Der Defekt von Leona Stahlmann

Ein Buch, was einer Grenzüberschreitung gleicht. Sehr viel verbotenes oder besser gesagt unausgesprochenes verbirgt sich in diesem Roman. Der Defekt von Leona Stahlmann hat sehr viel Tiefe und eine ausgezeichnete Sprache. Der Defekt ist als Rezensionsexemplar für mich aus dem Kein & Aber Verlag gekommen und ich freue mich sehr, dass ich dieses lesen durfte. Ich habe mich zu Anfang ein wenig schwer getan, aber nach einer Weile kam ich gut rein und muss sagen, dass es klasse ist. Leona Stahlmann hat eine ausschweifende Sprache und geht in jeder Erklärung unglaublich in die Tiefe und schafft somit ein umfassendes Bild der jeweiligen Situation. Manch einer wird es zu umschrieben finden, jedoch jeder der Sprache mag, wird es mögen.

Mina und Vetko

Mina ist ein scheinbar gewöhnliches Mädchen, welches in einem kleinen Dorf im Schwarzwald lebt und gut behütet aufwächst. Vetko geht auf die selbe Schule und ist aber ein bisschen Älter als Mina. Sie findet jedoch sofort gefallen an ihm und er wird sie in ganz andere Welten entführen. Es entwickelt sich eine unglaublich ungewöhnliche Liebesbeziehung. Mina verliert ihre Unschuld auf eine Weise, wie keine von uns es sich vorgestellt hätte. Leona Stahlmann überschreitet hier Grenzen, sie beschreibt Dinge, die kannte ich bisher so noch nicht. Dennoch ist es spannend zu lesen, welche sexuelle Ausprägung Menschen haben können. Vetko entführt Mina weit tiefer in den SM Bereich, als ihr zu Anfang vielleicht bewusst war.

Was mir in diesem Buch nicht ganz klar geworden ist, ist das Alter der Protagonistin. Oder besser gesagt das Alter, wo Mina tatsächlich entjungfert wurde. Ich fand es sehr erschreckend, dass die meisten Erzählungen rund um ihren 16ten Geburtstag herum erzählt werden. Mit 16 schon solche Vorlieben zu haben scheint erst einmal hart. Ich bin auch zum Ende des Buches nicht ganz sicher, ob Mina das wirklich alles aus freien Stücken getan hat oder weil sie Vetko so sehr geliebt hat. Im Grund geht es aber um die Tiefe der Gefühle und wie weit Menschen bereit sind zu gehen, um eventuell dem anderen zu Gefallen. Ich bin mir sicher, dass Mina das mit der Zeit wollte und auch nicht mehr anders konnte, eine Art Sucht sozusagen. Ich denke es ist wie ein Sog aus dem man nicht so leicht entkommen kann.

Die Brennnessel 

In dem Buch und auf dem Cover kommt uns oftmals die Brennnessel entgegen. Zu Anfang versteht man den Hintergrund gar nicht, doch zum Ende wurde mir bewusst, dass es genau das Leben von Mina beschreibt. Die Brennnessel ist anders als die anderen Pflanzen, genau wie Mina. Die meisten Menschen mögen keine Brennnesseln, oder meistens nur in Form von Tee. Mina jedoch mag diese Pflanze gerne, weil sie eben auch anders ist und weil sie sich eben auch nicht an die Norm anpasst. Sie ist nicht unglaublich schön und unglaublich anpassungsfähig, sie ist störrig und brennt und sie ist einfach nicht „normal“.

„Welche Pflanze konnte schon die Welt schrumpfen? Das konnte nur die eine, deren wogende dunkelgrüne Felder Mina jetzt überall sah, wie sie lief, selbst in der Kreisstadt und auf dem Fussballplatz: die gemeine Brennnessel.“

Der Defekt ist dazu auch der passende Titel, denn Mina denkt, dass sie defekt sei, weil sie eben andere Vorstellungen von Liebe und Sex hat. All ihre Freundinnen haben ganz andere Sorgen rund um den Geschlechtsverkehr als sie, viel banaler, viel simpler und alles so sehr ähnlich. Zeitweise fühlt sie sich wie eine Außenseiterin und kann nur zusammen mit Vetko eine Verbindung zu dieser Welt fühlen. Schmerz wird zu ihrem Leben und ohne scheint sie nicht mehr zu können. Für jemanden, der so nicht empfinden kann, ist es maßlos und unglaubwürdig. Doch Leona Stahlmann trifft damit in eine Wunde, die niemals ganz ausgesprochen wird. Es wird maximal geflüstert oder hinter vorgehaltener Hand gesprochen, aber es gibt diese Nische tatsächlich.

„Danach lag Vetko zwischen ihren Beinen und sah Mina von dort aus an. „Ich finde, es sieht aus wie eine Furche. Eine Ackerfurche vielleicht, die lange vor uns beiden und noch vor unseren Eltern und Großeltern jemand mal gezogen hat, mit einer großen Hand in lehmige Erde.“

Mein persönliches Fazit

Ich mochte Mina als Protagonistin irgendwie gerne, ich war jedoch oftmals ein wenig verstört bei der ein oder anderen Einstellung. Das Thema ist mir fremd und ich kann mich in die Gefühle nicht hineinversetzen, aber ich kann die Message dahinter verstehen. Ich verstehe, dass auch eine Brennnessel schön sein kann und das „anders“ nicht zwingend „unnormal“ sein muss. Ich mochte den Schreibstil der Autorin unglaublich gerne und ich hoffe es folgen noch weitere Bücher, denn dieses hier war ihr Debütroman. Ich danke noch einmal dem Kein & Aber Verlag für das Exemplar – ich kann es nur empfehlen. Ich warne aber gleich: man muss Sprache und lange Sätze mögen, wenn dem so ist, dann hat man einen wunderbaren Roman gefunden. Und übrigens liebe ich das Cover sehr und ich finde es auch immer wichtig so etwas auch zu erwähnen, denn auch hinter dieser Idee steckt Arbeit, die Wertschätzung verdient.

Rezensionsexemplar/ Kein&Aber Verlag/ Gebundene Ausgabe/ Auflage 2020/ 268 Seiten/ 22,00 € im Buchhandel 

 

 

 

 

Unverschämtes Glück von Jamel Brinkley

„Das amerikanische Debüt des Jahres“ so wird das Buch von Jamel Brinkley in den US Medien beschrieben. Unverschämtes Glück ist ein Buch mit neun Kurzgeschichten und jede Einzelne von Ihnen hat unverschämt viel Tiefgang. Jamel Brinkley verfügt über eine großartige Sprache und nimmt den Leser unweigerlich mit. Die Protagonisten in seinen Geschichten erfahren am eigenen Leib mit der Wahrheit konfrontiert zu werden. Und zwar der Wahrheit über sich selbst. Sie erleben Geborgenheit und Familie und aber auch das harte, unverblümte Leben. Unverschämtes Glück ist dafür in meinen Augen die richtige Buchbeschreibung, manche Protagonisten müssen lernen, welches Glück sie haben und wie sie dieses Glück heraus fordern können. Andere wiederum haben nie ein solches Glück erfahren. Tiefe menschliche Gefühle, aber auch Abgründe vermag Jamel Brinkley hier zu verbinden.

Ein bisschen was zum Inhalt

Ich könnte die einzelnen Geschichten gar nicht komplett beschreiben und vor allem würde ich Ihnen nicht gerecht werden. Also werde ich Euch nun ein paar Auszüge aus dem Buch zeigen, welche mir besonders gut gefallen haben:

J’Ouvert 1996: Diese Kurzgeschichte hat mich beeindruckt. Der kleine Ty und sein Bruder haben ihren Vater verloren. Er wird vermisst oder sitzt im Gefängnis, so ganz habe ich es nicht verstanden. Man erkennt in der Erzählung, dass farbige Bürger damals oft vermisst wurden und das vor allem auch die Justiz immer strenger mit ihnen umgegangen ist, als mit weißen Bürgern. Leider gibt es diese Art von Menschen/Rassenhass bis heute. Ty versucht also der starke Bruder zu sein und kommandiert seinen kleinen Bruder herum. Ihre Mutter ist mit sich selbst und ihren Männern beschäftigt, selbst für einen Friseurbesuch muss Ty betteln und bekommt keine Aufmerksamkeit. Sein kleiner Bruder hat sich eine „Scheinfreundin“ erschaffen, rein psychologisch ein Beweis für seine Einsamkeit. Ty empfindet jede Menge Liebe für seinen Bruder, doch er kann es erst zeigen, als der kleine Bruder kurz in einer Menschenmenge droht zu verschwinden. Eine traurige Geschichte, aber auch unverschämtes Glück, denn die beiden haben einander.

Unverschämtes Glück: Auch diese kleine Geschichte von Lincoln gefiel mir sehr. Lincoln fotografiert mit seinem Handy gerne junge Frauen, man könnte meinen, dass es eine sehr anstößige Geschichte ist. Doch er ist einfach nur fasziniert von ihnen, ein Fotograf ohne Mittel in meinen Augen. Was für mich aus dieser Geschichte hervor geht, ist das er seine eigene Tochter unendlich vermisst und in anderen Frauen ihr Gesicht zu erkennen vermag. Seine Tochter studiert in einer anderen Stadt und ist nur noch selten zu Hause. Lincoln wird mitten auf der Straße von weißen Männern angegriffen, weil sie glauben das er einer Frau hinterher geschaut hat und dieses mit schlechten Gedanken getan hat. Ich bin fest davon überzeugt, dass er nie etwas schlechtes im Hinterkopf hatte, sondern eher etwas künstlerisches. Aber ich kann mich auch täuschen.

Meine eigene Meinung

Jede dieser Kurzgeschichten hat etwas ganz besonderes, jede hat ihre eigene Message. Und die Art, wie Jamel Brinkley die tiefen Gefühle seiner Protagonisten beschreibt ist einzigartig. Literarisch ein Meisterwerk und ich hoffe er wird noch mehr Bücher schreiben. Zeitweise wirken die Geschichten subtil und simpel, doch im zweiten Blick erhascht man immer ein gewisses Detail. Man muss in diesem Buch eindeutig zwischen den Zeilen lesen – sehr sehr gut gearbeitet. Was aus diesen Erzählungen heraus geht ist immer wieder, dass die Welt eines farbigen immer noch anders läuft, wie die eines weißen Menschen. Für mich natürlich nicht verständlich, weil ich dieses Problem nicht kenne. Ich persönlich finde allerdings Menschen mit anderer Herkunft unglaublich interessant. Erschreckend ist einfach, das es in einem so modernen Buch immer noch ein Thema zu sein scheint. Und das in einer Stadt wie New York, wo Multikulti eigentlich an der Tagesordnung steht. Genau deshalb muss es immer wieder Bücher geben, die daraufhin weisen, dass es immer noch die Rassenungleichheit gibt. Diversität ist immer noch ein Thema, um das wir nicht herum kommen und das immer noch oder wieder mehr an Wichtigkeit gewinnt.

Ich liebte die Eindrücke aus New York und gerade aus Brooklyn in diesem Buch, es beschreibt meine Sehnsucht in diese Stadt. In meinen Augen ein ganz wunderbares Debüt und absolut lesenswert. Würde ich Sterne vergeben, wären es fünf von fünf Sterne. Und ganz wichtig: Ich liebe den Buchumschlag! Richtig gut gestaltet.

Danke an den Kein&Aber Verlag für dieses Exemplar, es war mir ein Vergnügen es lesen zu dürfen.

Rezensionsexemplar/ Kein&Aber Verlag/ Deutsche Ausgabe 2019/ 329 Seiten/ 22,00 €