Ambivalenz von Amélie Nothomb

Die Autorin, die kein Blatt vor den Mund nimmt. Amélie Nothomb hat keine Angst die Protagonisten so richtig auseinander zu nehmen und ihnen menschliche Abgründe zu verpassen. Großartig!

Claude

Claude verführt seine Dominique in vollen Zügen. Champagner, teures Parfüm und schöne Worte und schon ist Dominique hin und weg. Nach nur ein paar Tagen Dating macht er ihr einen Antrag und sie nimmt auch noch an. Sie geht mit ihm nach Paris, weil er dort gute Job Chancen hat und zusammen beginnen sie ein neues Leben. Doch Claude wird immer komischer, abweisend irgendwie. Dennoch möchte er ein Kind mit ihr und ist ganz erbost, das es nicht auf Anhieb klappt.

Als Épicène geboren wird, kann er das Mädchen noch nicht einmal ansehen, so sehr hasst er dieses Kind. Für Dominique unbegreiflich. Die Jahre ziehen dahin, das Kind wird zum Teenager und der Ehemann entzieht sich jeglicher Familienverantwortung. Doch eines Tages soll Dominique in der Schule von Épicène eine Mutter suchen, denn Sie ist die Frau seines Geschäftspartners und Dominique soll sich mit ihr anfreunden. Erstaunlicherweise befreundet sie sich auch mit Reine, ohne zu ahnen welche Vergangenheit Claude und Reine haben. Eine Vergangenheit die bald 20 Jahre zurück liegt.

Dominique erfährt wer ihr Ehemann wirklich ist und ergreift die Flucht. Zurück ins Dorf zu ihren Eltern. Zurück zu normalen Menschen, raus aus dem reichen Viertel in Paris. Sowohl sie, als auch ihre Tochter leben viel lieber bodenständiger. Die Wahrheit war also wie ein Befreiungsschlag. Gerade für Épicène ist es eine gute Zeit, denn auch sie hasst ihren Vater und kann ihm nicht verzeihen. Sie ist sowieso ein sehr spannender Charakter in diesem Buch.

Meine Meinung

Ich liebe Amélie Nothomb! Sie hat einen großartigen Schreibstil. Und auch wenn dieses Buch mit knapp über 100 Seiten auskommt, ist jede davon unglaublich gut. Nothomb beschreibt meistens kritische Themen, Themen die sonst nicht ausgesprochen werden oder übertritt Grenzen. Doch würde sie es nicht tun, wäre sie nicht so brillant. Ich möchte diese Autorin also wirklich wärmstens Empfehlen. Jedes Buch von ihr war bisher einfach super gut! Danke an den Diogenes Verlag.

Rezensionsexemplar/ Gebundene Auflage/ Auflage 2022/ 128 Seiten/ 20€

Böses Mädchen von Amélie Nothomb

Böses Mädchen“ ein Roman, den man auf jeden Fall anders erwartet hat. Es war mein erster Roman von Amelie Nothomb. Ich habe dieses Buch mal wieder durch unsere Lesegruppe des Diogenes Verlages bei Facebook entdeckt. Unter dem Motto #backlistlesen werden dort jeden Monat neue Bücher entdeckt. Wir einigen uns auf einen Autoren oder eine bestimmte Stilrichtung und dann geht es auch schon los. Unsere Wahl in diesem Monat war – weibliche Autorinnen. So fiel nun die Wahl auf Amelie Nothomb. Ich muss gestehen, dass ich vorher keines ihrer Bücher kannte und das ich diese Tatsache nun nach dem Lesen von „Böses Mädchen“ auf jeden Fall bereue. Ich finde, dass sie eine großartige Autorin ist. Am besten gefallen hat mir ihr lockerer und völlig unverblümter Schreibstil. Sie bringt die Dinge auf den Punkt, anstatt nur drum herum zu reden.

Christa

Christa und Blanche sind Freundinnen, sollte man meinen. Sie lernen sich auf der Uni kennen und da Blanche sowieso kaum Freunde hat, kommt es ihr recht gelegen, dass Christa sich offenbar für sie interessiert. Christa ist allerdings nur nach außen hin nett und freundlich, im Inneren wohnt der Teufel persönlich. Diese Protagonistin habe ich so richtig gehasst und ich hasse äußerst selten Menschen. Aber man hat das im normalen Leben ja auch, dass es irgendwo eine Frau gibt, die ich als andere Frau abgrundtief hasse. Es könnte auch ein reines Frauending sein, ich habe keine Ahnung, aber Frauen/Mädchen wie Christa kann man einfach nicht leiden. Christa ist selbst verliebt, intrigant und absolut egoistisch – drei der vielen Eigenschaften, die Menschen unsympathisch machen.

Blanche

Blanche hingegen ist genau das Gegenteil von Christa, sie hat kein Selbstbewusstsein, keine Freunde und keine eigene Meinung. Eigentlich auch niemand, den man auf anhieb mag. Bei ihr war es so, dass ich sie am liebsten wachrütteln wollte. Ich wollte ihr am liebsten sagen:“ Steh auf Mädchen und vertrete doch bitte deine Meinung!“ Blanche lässt sich von Christa um den Finger wickeln. Sie lässt alles über sich ergehen, weil ihr Drang danach eine Freundin zu haben weitaus größer ist, als der Drang nach eigener Meinung. Im Prinzip verkörpert sie tausende Mädchen da draussen im Teenager Alter – jung, naiv und auf dem Weg zum Erwachsenwerden. Man merkt ihren eigenen Kampf, ihre Wut, ihre Verzweiflung. Man merkt, dass sie Veränderung möchte, dass sie mit sich selbst nicht im Reinen ist, aber sie schafft es nur bedingt, sich diesen Ding auch Luft zu verschaffen.

Der Inhalt

Christa wohnt in einem Vorort von Brüssel, so glaube ich. Sie behauptet, dass sie aus armen Elternhause stamme und das sie sich ihr Studium selbst finanzieren würde. Angeblich kellnert sie nebenbei, um sich alles zu ermöglichen. Die gutgläubige Blanche bietet ihr an, dass sie doch in der Woche bei ihr übernachten könnte, damit sie nicht so weit fahren müsse. Blanches Eltern sind auch direkt total begeistert von Christa und so kommt das Unheil ins rollen. Christa ist schneller Teil der Familie, als es Blanche lieb ist. Sie bekommet alles von Blanches Eltern und sogar Blanches Zimmer ist in Christa’s Besitz übergegangen. Die Eltern akzeptieren diesen Wandel und finden es offenbar überhaupt nicht merkwürdig, wie Christa ihre Tochter Blanche diskreditiert. Eine Tatsache die ich ungeheuerlich finde, die eigenen Eltern stehen nicht hinter ihrer Tochter, sondern lassen sich von einer völlig fremden Person einwickeln. Blanche fasst irgendwann den Mut, mehr über Christa zu erfahren und spioniert ihr nach. In Wirklichkeit kommt Christa aus reichem Elternhause und nutzt all das gesparte Geld für ihr privates Vergnügen. Das Studium bezahlt natürlich auch Daddy und nicht die fleißige Studentin selbst.

Lieblingszeilen aus dem Buch

Ich habe wie gesagt den Schreibstil von Amelie Nothomb unglaublich gemocht, daher möchte ich Euch diesen nicht vorenthalten:

…Ein ganz normaler Typ nahm mich an der Hand und in den Arm. Ich fragte ihn nach seinem Namen. „Renault und du?“ „Blanche.“ Daraufhin meinte er, mich gut genug zu kennen, denn im nächsten Moment fühlte ich seinen Mund auf meinem. Ich fand solche Sitten eigenartig, aber da ich noch nie geküsst worden war, beschloss ich, sie zu erforschen.“

…Doch kaum kam jemand anderer herein, vollzog sich in Sekundenbruchteilen eine atemberaubende Metamorphose: Die Augen begannen zu leuchten, die Mundwinkel gingen nach oben, die Miene hellte sich auf und ließ die schweren Züge feiner erscheinen, kurz, das Antlitz der Antichrista verschwand, und an seine Stelle trat ein bezauberndes Mädchengesicht, frisch, offen und ungetrübt, der Archetyp der eben erblühten Jungfrau, dies Ideal aus Gewitztheit und Zerbrechlichkeit, das die zivilisierte Welt erfand, um sich über die Hässlichkeit der Menschen zu trösten.“

Mein Fazit

Eine unfassbar gute Autorin und ein sehr berührende Geschichte. Ich habe in diesem Buch Wut, Ärger, Verunsicherung, Hass und Verständnis empfunden und das auf so wenigen Seiten. Sehr gelungen. Beide Charaktere in diesem Buch beschreiben allerdings ein völlig falsches Frauenbild in meinen Augen. Ich hätte mir Blanche viel mehr als Heldin gewünscht, oder sogar noch ein drittes Mädchen, was Blanche geholfen hätte. Aber auch so, war es ein gelungener Roman. Ich kann ihn empfehlen.

Selbst gekauft/ Diogenes Verlag/ Auflage 2003/ 10,00€/ 139 Seiten