Der Winzerhof von Linda Winterberg

Wiesbaden 1945 – der Krieg ist gerade vorbei und die Stadt liegt in Trümmern. Wiesbaden war einer der Städte neben Frankfurt die sehr stark getroffen worden sind im zweiten Weltkrieg. Henni ist die Erbin der Sektkellerei Herzberg und sie versucht nach dem Krieg die Kellerei wieder aufzubauen. Ihr Mann wird in Russland vermisst und niemand weiß, ob er noch lebt. Wie so oft in Büchern aus dieser Zeit, sind es die Frauen, die dieses Land wieder aufgebaut haben. Sie waren übrig und sie waren stark, dass wird in diesem Buch wieder wunderbar dargestellt. Der Winzerhof ist eine Geschichte über drei starke Frauen, die nach dem Krieg ihr Leben und ihr Erbe wieder neu aufbauen und dabei versuchen ihr eigenes Glück wieder zu finden.

Die drei Schwestern und das Erbe

Hanni ist als Erbin eingetragen, aber sie hat auch noch zwei Schwestern. Lisbeth lebt in Berlin und ist mit einem Nazi verheiratet, dieser sitzt allerdings im Gefängnis wegen Kriegsverbrechen. Bille, die jüngste Schwester, war im Krieg als Krankenschwester an der Front beschäftigt, und ist seitdem verschwunden. Hanni hofft sehnlich, dass Bille noch lebt und irgendwann zurück findet. Lisbeth findet den Weg zurück zur Kellerei, ist aber erst einmal nicht gerne gesehen. Es wiegt schwer, dass sie einen Nazi geheiratet hatte. Außerdem hat sie sich in der Vergangenheit sehr wenig für die Kellerei interessiert. Hanni hingegen lebt seit Zeit ihres Lebens für die Familienkellerei und sie kennt alle Angestellten und die Kollegen*innen schätzen die junge Chefin sehr. Sie steht nun vor der schweren Aufgabe einen Kredit zu bekommen, um die Kellerei wieder aufzubauen. Zum Glück hatte sie im Krieg nicht viel abbekommen und die Gebäude waren nutzbar.

Hanni betraut einen bekannten ihres verstorbenen Vaters mit dieser Angelegenheit. Der alte Herr ist gewillt ihr den Kredit zu gewähren, aber nur unter der Voraussetzung, dass Hanni seinen Sohn Adam heiratet. Adam ist schwul und diese Geschichte darf nicht auffliegen. Hanni, die durch einen Brief der Regierung erfahren hat, dass ihr Mann gefallen ist, ist noch nicht bereit für eine neue Ehe. Sie schätzt Adam als Freund, aber sie liebt ihn nicht. Dennoch willigt sie ein, denn sie will das Familienunternehmen retten. Lisbeth entdeckt in der Zeit, dass es auch noch wichtiger Dinge auf der Welt gibt als Party und Reichtum. Sie lernt Frauen kennen die alles verloren haben und das verändert ihre Denkweise. Dennoch bereitet sie Hanni Sorgen und versucht ihr die Kellerei weg zu schnappen.

Eines Tages taucht auch Bille wieder auf, doch sie ist verändert. Das unbeschwerte Mädchen ist verschwunden, denn Bill war in einem Gefangenenlager zuvor gelandet. Diese Erfahrungen haben sie geprägt. Außerdem hat sie bei ihrer Arbeit als Krankenschwester einen Arzt kennen gelernt, die Liebe ihres Lebens, allerdings weiß sie nicht, wo er nach dem Krieg gelandet ist.

Die Zukunft der Kellerei

Die Schwestern finden am Ende alle einen Weg ihr Leben zu regeln. Sowohl beruflich, aber auch vor allem in Sachen Liebe. Die Kellerei kann auch gerettet werden, aber der Weg dahin ist steinig. Ich möchte nicht zu viel vorweg nehmen und das Ende nicht gänzlich verraten, aber es gibt ein Happy End. Ich mag es, wie diese Frauen, so unterschiedlich sie auch sind, mit ihren eigenen Hürden und auch Fehlern klar kommen. Wie sie sich aus dem Nichts wieder aufrichten und nach vorne schauen. Es war schön zu lesen, dass ein Familienunternehmen weiter gelebt werden muss und wie es ist mit Leidenschaft für etwas zu brennen, so wie Hanni es in diesem Buch tut. Die Kellerei und auch die Mitarbeiter*innen sind gerettet und Hanni als Chefin ist sehr angesehen und auch die beiden anderen Schwestern können ihren Platz einnehmen.

Meine eigene Meinung

Ich mag Geschichten rund um den zweiten Weltkrieg und vor allem mag ich es, wenn heraus geht, dass die Frauen in dieser Epoche sehr, sehr mutig und stark waren. Nach einem solchen Krieg ein Leben wieder neu aufzubauen kostet Kraft und jeden Menge Mut. Alle drei Frauen in diesem Buch haben mich begeistern können. So wie ich es verstanden habe, ist es eine Saga, sprich es kommen noch mehr Teile dieser Geschichte, was mich sehr freut. Der Winzerhof ist ein sehr emotionaler Roman und jede Menge fürs Herz. Manchmal ein wenig zu schnulzig für mich, aber wirklich gut gelungen.

Rezensionsexemplar/ Aufbau Verlag/ Taschenbuch/ Auflage 2022/ 381 Seiten/ 12,99€

Lana Lux – Kukolka

Ein unfassbar ergreifendes Buch habe ich hier gelesen. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass dieses Buch mich so sehr einfangen wird. Lana Lux zeigt eine Geschichte über eine tragische Wahrheit, denn Fälle wie diese von Samira gibt es leider heute noch. Jeder der das liest, sollte nicht zart besaitet sein. Die Geschichte spielt in der Ukraine in den 90er Jahre. Die Ukraine ist gerade erst selbstständig geworden, nach einer langen Zeit unter den Fängen der Sowjetunion. Es gibt viele Menschen die zu der Zeit immer noch der Armutsgrenze leben und bettelnde Kinder sind immer noch Normalität.

Samira – Kukolka

Samira lebt in einem Waisenhaus, ihre Eltern kennt sie nicht. Sie hat weniger Freundinnen, weil alle sie für eine Zigeunerin halten, weil sie so ein dunkler Typ ist. Eines Tages lernt sie Marina kennen und freundet sich mir ihr an. Die beiden sind unzertrennlich, bis Marina eines Tages adoptiert wird. Sie wird zu einer Familie nach Deutschland gebracht. Von da an hat Samira den Traum nach Deutschland zu gehen. Sie versucht aus dem Waisenhaus abzuhauen und mit dem Bus nach Deutschland zu fliehen. Aber leider hat sie nicht genug Geld und weiter als bis zum Bahnhof kommt sie nicht. Als sie dort zu betteln beginnt trifft sie auf Rocky. Er wirkt besorgt um sie und bietet ihr an, ihr ein zu Hause zu geben. Dafür muss sie nur eine Arbeit verrichten. Sie vertraut ihm, man muss dazu sagen Samira ist super naiv und ist durch fehlende Erziehung und Erfahrungen auch sehr dumm in diesem Moment. Rocky bringt sie in ein Haus wo mehrere Kinder verschiedenen Alters leben. Sie haben keine Heizung und auch kein warmes Wasser, aber ein Dach über dem Kopf. Die Kinder haben verschieden Aufgaben im Haus und drum herum. Einige müssen betteln, andere müssen klauen und ein besonderes Mädchen muss putzen und Rocky Freude machen. Samira ( von Rocky wird sie Kukolka genannt ) muss betteln gehen, weil sie noch so jung ist und viele sie süß finden und viel geben. Es wirkt auf den Leser erst einmal alles relativ harmlos, denn Rocky bietet den Kindern irgendwie ein zu Hause. Doch bei näherer Betrachtung merkt man, dass es sich einfach um klassische Kinderarbeit handelt und die Kinder ausgenutzt werden. Es geschehen einige schlimme Dinge und für Samira ist die Kindheit eindeutig vorbei.

Samira kann sehr gut singen und beginnt eines Tages am Bahnhof zu singen und damit Geld zu verdienen. Ihr begegnet eines Tages ein in ihren Augen wunderbarer Mann über den Weg. Er mag ihren Gesang und macht ihr Komplimente und kauft ihr Essen. Dina wirkt sehr freundlich auf Samira. Sie beginnt sich in ihm zu verlieben, obwohl er fast doppelt so alt ist wie sie. Er schmiert ihr Honig um den Mund und möchte sie angeblich aus den Fängen von Rocky befreien. Im ersten Moment glaubt man diesem netten Mann, selbst als Leser. Doch auch Dina möchte die arme Samira nur ausnutzen. Er nimmt sie mit nach Hause und sperrt sie ein. Er kauft ihr jede Menge neue Kleidung und lässt sie waschen, schminken und frisieren. Er gibt ihr Essen ohne Ende und gaukelt ihr das Schlaraffenland vor. Irgendwann aber muss Samira mit auf Party gehen, wo sie nett für fremde Männer singen soll und wo fremde Männer sie anfassen dürfen. Samira merkt ihren Untergang nicht, denn sie ist verliebt in Dima. Und außerdem hat er ihr versprochen sie nach Deutschland zu bringen, was ja nun ihr Traum war. Sie wollte Marina wieder sehen. Nach Deutschland kommt sie auch eines Tages, aber dort wird alles noch viel, viel schlimmer…

Meine eigene Meinung

Puh… ich war beeindruckt und geschockt zu gleich. Ganz, ganz hartes Buch in meinen Augen. Aber auch ein Buch was einem die Augen öffnet, denn wie gesagt, so etwas gibt es in Wirklichkeit immer noch. Und das es solche Geschichten in der heutigen Zeit noch gibt, ist einfach eine Katastrophe. Lana Lux hat einen unverschämten Schreibstil und beschreibt die noch so schlimme Misshandlung voll aus. Als Leser fällt einem dieses Buch eindeutig schwer, aber ich finde es dennoch äußerst lesenswert. Ich kann es empfehlen, aber es wirkt noch sehr lange nach. Und ob es ein Happy End gibt, dass werde ich natürlich nicht verraten. Das muss jeder selbst raus finden, aber eines kann ich sagen, man wünscht sich so sehr ein Happy End für diese Protagonistin. Schlimm fand ich auch, dass man oft dachte: „Wieso macht sie das jetzt? Wieso ist sie so naiv?“ , aber sie hatte nun nichts gelernt. Keinen Zugang zu Bildung und keine Erziehung. Keiner hat ihr beigebracht, was gut und was schlecht ist. Samira hat einfach in jedem Menschen das Gute gesehen, was die Protagonistin auch einfach so liebevoll machte. Man wollte sie beschützen und ihr ein zu Hause geben.

Selbst gekauft/ Aufbau Verlag/ Auflage 2019/ Taschenbuch/ 12,00€/ 375 Seiten