Amelie von Felix Schmidt

Was wenn die Liebe bestehen bleibt, aber der Verrat zu tief sitzt? Ein Versprechen, was einst gegeben wurde, wird in wenigen Sätzen zunichte gemacht und ein Vertrauen ist für immer gebrochen. So geht es Max. Felix Schmidt erzählt in seinem Roman Amelie von einem Ehebruch und von den tief sitzenden Gefühlen eines Mannes. Er beschreibt, wie verletzend Menschen sein können. Dieses Rezensionsexemplar habe ich aus dem Osburg Verlag bekommen und möchte mich an der Stelle ganz herzlich bedanken.

„War das die Frau, mit der ich gelebt, die ich geküsst, mit der ich Kinder gezeugt und vor der ich mein Innerstes ausgebreitet hatte? Jetzt glaubte ich einen Anflug von Heimtücke in ihren Zügen um die Mundwinkel zu erkennen, etwas Verschlagenes, Süffisantes.“ 

Max und Amelie 

Max und Amelie haben gerade ihre silberne Hochzeit gefeiert, in der Regel ein Grund, um den Rest des Lebens auch miteinander zu teilen. Max ist bereits achtzig Jahre und seine Amelie ist einige Jahre jünger als er. Dennoch hatte es den beiden nichts ausgemacht, dass zwischen Ihnen Jahrzehnte lagen. Ihre Liebe war bisher immer stark gewesen. Sie haben zwei erwachsene Kinder und genießen ihren Ruhestand zum Teil in Frankreich oder in der Heimat Hamburg. Doch der gemeinsame Freund Paul erweckt in Amelie neue, verlorene Gefühle. Ein Art, sich wieder jung fühlen. Amelie ist hin und hergerissen von den beiden Männern und würde am liebsten beide behalten.

Max hingegen leidet unter diesem Verrat. Er findet Emails und Briefe, die seine Welt aus den Ankern reißt. Seine Frau hat seit Jahren eine Affäre mit Paul und möchte diese auch nicht beenden. Die beiden Kinder können es nicht glauben und werfen ihrer Mutter die Zerstörung ihrer Familie vor. Amelie sieht das Ganze irgendwie in einem anderen Licht, man hat das Gefühl, dass sie sich der Tragweite nicht ganz im Klaren ist. Für sie scheint es das Normalste von der Welt zu sein, dass man zwei Männer lieben kann. Nach und nach stellt sich in meinen Augen heraus, dass sie Max nur behalten möchte, weil sie ein schlechtes Gewissen hat. Ihr ist das Alter ihres Mannes bewusst und sie plagt das Gewissen, dass er nun ganz alleine dastehen würde. Dennoch kann sich nicht über ihren Schatten springen und sich trennen.

Tiefe Gefühle

Erstaunlich ist für mich, dass Max sie immer noch lieben kann. Seine Gefühle sind so innig und anhaltend, dass man sich selbst so etwas nach 25 Ehejahren wünschen würde. Trotz des Vertrauensbruches glaubt er noch an diese Liebe und würde sie jederzeit zurück nehmen. Ihn macht es fertig und er verfällt in Depressionen, die in dem Moment nur ein Arzt behandeln kann. Harte Arbeit steht Max bevor und viele Gespräche mit seinem Therapeuten. Ich denke, dass man sich bei sowas nur irgendwann selbst heilen kann. Es gibt Schlüsselmomente im Leben, ab diesen Momentan beginnst du neu zu denken und genau so einen erlebt Max eines Tages. Der Moment, an dem ihm ein Abschluss leichter fallen wird.

„Mein eigentlich kritischer Verstand war von einer hochgradigen Naivität schachmatt gesetzt worden. Ich blendete aus, dass ich nur noch zweite Wahl war.“

Meine eigene Meinung

Ich hatte am Anfang noch Verständnis für Amelie. Sie war um einiges jünger als ihr Mann und vielleicht wollte sie einfach noch einmal etwas erleben. Fühlte sich noch zu jung, um alt zu sein. Ich vermute eine solche Situation wird bei jedem Paar einmal kommen, vor allem wenn so viele Jahre dazwischen liegen. Aber nach und nach mochte ich Amelie nicht mehr. Sie wurde immer gemeiner und ihre Aussagen immer egoistischer. Sie hat einfach nicht erkannt, wie tief Max seine Gefühle sind und das sie ihre ganze Familie damit verrät. Wäre sie ehrlich gewesen, von Anfang an, dann hätte das anders ausgehen können. Sie hätten beide glücklich aus der Sache heraus gehen können, doch so, hat sie Max einfach nur unfassbar schlimm verletzt. Ich stelle mir nun einen achtzig jährigen Mann vor, der in seiner eigentlich ruhigen Phase des Lebens noch einmal einen Neuanfang starten muss. Eine traurige Vorstellung und ich mag Amelie dafür einfach nur hassen. Felix Schmidt hingegen ist ein großartiger Erzähler in meinen Augen. Er hat in wenigen Seiten alles auf den Punkt gebracht und dabei einen ganz lockeren Schreibstil bewiesen. Ein Buch, was ich weiter empfehlen möchte, weil es einem die Augen öffnen kann. Die Botschaft ist einfach: Du solltest zu schätzen wissen was du hast und solltest nicht mit den Gefühlen eines Menschen spielen. Es gibt keinen schlimmeren Akt, als tiefe Gefühle der Liebe zu verletzen. Danke an den Osburg Verlag für dieses Leseerlebnis.

Rezensionsexemplar/ Osburg Verlag/ Gebundene Ausgabe/ Erste Auflage 2020/ 150 Seiten/ 18,00 €

Unsere Seelen bei Nacht von Kent Haruf

Kent Haruf habe ich im letzten Jahr für mich entdeckt. Nachdem ich den Roman „Lied der Weite“ gelesen hatte, war Kent Haruf auf meiner Liste immer ganz oben. Da war es naheliegend, dass ich “ Unsere Seelen bei Nacht“ auch lesen musste. Dieses Buch ist nun im Vergleich zu meinen letzten Büchern ein sehr ruhiges und aufgeregtes Buch. Kent Haruf ist der Meister der leisen Töne würde ich sagen. In seinen Büchern geht es nicht um wilde Ereignisse, sondern um starke Gefühle.

Die Geschichte von Addie und Louis

Louis und Addie sind ich schätze mal so etwa im Alter von 60 bis 70 Jahren. Beide haben ihren Ehepartner verloren und leben alleine. Deren Kinder wohnen nicht mehr in der selben Stadt und beide leben ein ganz bescheidenes und einsames Leben. Die Geschichte spielt in der Kleinstadt Holt ( ich vermute irgendwo in Arizona ), sowie auch schon das Buch „Lied der Weite“ dort gespielt hat. Addie kommt vor lauter Einsamkeit auf die Idee, dass sie ihren Nachbarn Louis doch einfach mal einladen könnte. Nun will die muntere, ältere Dame ihn aber nicht nur zum Tee einladen, sondern sie möchte, dass Louis bei ihr übernachtet. Sie sehnt sich in den langen einsamen Nächten einen Gesprächspartner. Louis findet den Vorschlag zwar merkwürdig, willigt aber ein und geht fortan jede Nacht Addie besuchen und verbringt die Nacht neben ihr im Bett. Sie liegen nebeneinander und tauschen sich aus, über ihr Leben, über ihre Kinder und was sonst noch so passiert. Die Leute in der Stadt fangen irgendwann an zu lästern, doch das stört die beiden nicht im geringsten. Addie’s Sohn findet das Ganze äußerst seltsam und möchte diese Freundschaft unterbinden. Er möchte keine Mutter, die sich in ihrem Alter noch mit einem völlig fremden Mann trifft. Vor allem, da der kleine Jamie ( sein Sohn ) etwas komisches denken könnte. Denn nachdem er seine Sommerferien bei Oma Addie verbracht hat, ist er ganz verrückt nach seiner Grandma und Louis.

Die Moral von der Geschicht

Ich fand das Buch Stellenweise eher langweilig, da nicht wirklich viel passiert ist. Es gab ein paar nette Dialoge, aber der große Akt hat mir tatsächlich gefehlt. Aber es gab mal wieder, so kenne ich es nun von Kent Haruf, eine Message in diesem Buch. Und zwar, dass Freundschaft manchmal alles bedeuten kann und das Liebe uns wirklich glücklich machen kann. Addie und Louis sind am Anfang nur Freunde, aber ich denke zum Ende wird klar, dass die beiden sich innig lieben. Es ist keine körperliche Liebe, so wie sie es vielleicht in jungen Jahren empfunden haben, sondern eine tiefe Verbindung von zwei Menschen. Kent Haruf schafft es, immer wieder, die tiefsten emotionalen Seiten eines Menschen heraus zu arbeiten. Und auch wenn ich das Buch nicht komplett überzeugend fand, so fand ich doch die Kunst des Autors mal wieder sehr gut. “ Unsere Seelen bei Nacht“ ist ein absolut menschliches Buch, voll von Liebe und Freundschaft und es zeigt, dass nicht immer die Familie der Mittelpunkt sein muss, sondern das auch aus ganz fremden Menschen Verbündete werden können.

Danke an den Diogenes Verlag für dieses Rezensionsexemplar. Ich bin und bleibe Fan von Kent Haruf und kann es jedem Fan des Autors nur Nahe liegen.

Rezensionsexemplar / Diogenes Verlag / Auflage 2017 / 197 Seiten / Taschenbuch / 12,00 €