Durch die Nacht von Stig Saeterbakken

Durch die Nacht“ ist der neue Roman aus dem Dumont Buchverlag und ich hatte das Glück, dass ich dieses Buch im Vorfeld lesen durfte. Nun ist es offiziell erschienen und ich darf Euch darüber berichten. Der tiefgründige Roman des bereits verstorbenen Autor Stig Sæterbakken hinterlässt auf jeden Fall spuren. Das war seit langem wieder ein Buch, welches mich lange beschäftigt hat und welches ich mehrfach aus der Hand legen musste, um Gelesenes sacken zu lassen. Ich weiß auch nicht, ob ich mit meiner Rezension diesem Buch gerecht werden kann. Es ist nun ein paar Wochen her, dass ich es gelesen habe und dennoch trifft mich die Erinnerung immer noch tief und dieses in Worte zu fassen ist tatsächlich sehr schwer.

Zum Inhalt

Karl Meyer ist Zahnarzt und führt ein normales Familienleben, doch als sein Sohn Ole-Jakob sich plötzlich das Leben nimmt, wird die Familie auf eine harte Probe gestellt. Das Familienleben war auch davor schon alles andere als einfach. Karl Meyer geht seiner Frau fremd mit einer jüngeren Frau und zerrüttet damit schon die heile Welt seiner Familie. Dennoch berichtet er hier von einer unglaublichen Liebe. Der Protagonist ist unendlich glücklich mit der jüngeren Mona und das obwohl er auch die Schattenseiten nicht versteckt. Sein Sohn Ole-Jakob wird immer stiller und auch die Tochter Stine zieht sich zurück. Der Vater verlässt die Familie und versucht dennoch einen Kontakt zu wahren. Alles in allem ist das nicht einfach. Seine Frau kann ihm nicht verzeihen und die Kinder geben ihm die Schuld an der Trennung und verurteilen ihn. Gerade der Sohn Ole-Jakob hat schwer damit zu kämpfen und zieht sich immer weiter zurück. Man merkt schon früh in dem Buch, dass der Sohn kein normales Verhalten aufweist.

Es kommt, wie es kommen muss und dennoch so unerwartet für die Familie. Ole-Jakob begeht Suizid. Karl’s Frau ist wie gelähmt und die Tochter Stine hört auf zu sprechen. Die sowieso schon zerrissene Familie driftet nun noch mehr auseinander und Vater Karl sieht sich selbst mit der Schuldfrage belastet. Ist er für den Tod seines Sohnes selbst verantwortlich? Ist sein schlechtes Verhalten und seine Untreue der Auslöser gewesen? Diese Fragen umgeben den Vater und er verliert sich selbst in diesen Gedanken. Er versucht zu fliehen, in die Slowakei, aber kann man vor seiner Angst wirklich davon laufen?!

„Die kleinsten Vergehen sind die größten. Mit ihnen zeigt man, dass man zu allem imstande ist…“

 

Meine Gedanken

Dieses Buch hat in meinen Augen tatsächlich kein Happy End, es ist durch und durch dunkel und der Titel “ Durch die Nacht“ trifft es da natürlich perfekt. Karl Meyer erlebt seine Trauer und seine Angst in einer nie enden wollenden Nacht. Am meisten geschockt, war ich von der Geschichte mit dem Haus in der Slowakei. Angeblich ein Haus, wo man mit seinen tiefsten Ängsten konfrontiert wird. Entweder man schafft es oder man geht daran zu Grunde. Gibt es so ein Haus wirklich? In dem Buch gibt es Bilder von diesem Haus- hat es wirklich existiert? Karl Meyer wird in diesem Haus verrückt, er träumt von Momenten, welche lange vorbei sind. Er glaubt Nachrichten von Ole- Jakob zu bekommen, welche er nie bekommen wird. Es ist grausam ihm dabei „zuzuschauen“ während man dieses Buch liest. Ich habe zwischendurch daran gezweifelt, dass es das Haus wirklich gibt und das dieses nur als Metapher gemeint ist. Richtig sicher bin ich mir bis heute noch nicht. Ist es nicht so, dass man sich in ein Haus der Angst eingeschlossen fühlt in so einer Situation? Ich glaube das Stig Sæterbakken diese Geschichte sogar selbst erlebt hat. So tief wie er seine Gedanken und Gefühle beschreiben kann, so etwas kann man nur ausdrücken, wenn man es selbst erlebt hat.

„Es war vorbei. Es ging trotzdem weiter. Es war wie eine Kraft, die sich nicht davon abhalten ließ, weiterzudonnern, genauso wie der Zug, der durch vorbeifliegende Streifen von Land und Wasser zog. Schneller und schneller ging es, während die Erde draußen die Farbe wechselte, von Gelb zu Grün zu Rot….“

 

Mein Schlusswort

Irgendwo in diesem Roman schreibt der Autor, das Trauer eine Gabe sei. Ist es nicht meistens so, dass man nur wirkliche Gefühle aufbringen kann, wenn man sie selbst erlebt hat. Ich glaube Trauer kann man nur nach empfinden, wenn man selbst trauern musste. Diese Erkenntnis bringt mich immer mehr dazu, dass er selbst eine grausame Geschichte erlebt haben muss. So tiefe Gefühle, so intensiv zu beschreiben in einem Roman, dass kann man nicht ohne ein schlechtes Erlebnis. Er beschreibt die tiefen Abgründe eines jeden Menschen und aber auch die schönen Höhepunkte. Liebe, Trauer und Angst- Stig Sæterbakken vereint sie zu einem literarischen Meisterwerk der norwegischen Kultur.

Ich kann dieses Buch absolut empfehlen! Es ist nicht einfach zu lesen und man muss es auch schon mal aus der Hand legen, aber es lohnt sich. Der Autor ist großartig und der Gedanke das es eine wahre Geschichte ist, macht seinen Schreibstil nur noch bemerkenswerter. Danke an den Dumont Buchverlag, dass ich dieses Buch lesen durfte.

 Anmerkung: Norwegen ist dieses Jahr Gastland auf der Frankfurter Buchmesse – nach diesem Buch, bin ich sehr gespannt, was wir noch lesen & erleben dürfen.

Rezensionsexemplar/ Dumont Buchverlag/ 287 Seiten/ Auflage 2019/ 22,00€

 

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